Kreuzweg (2004)

Mischtechnik auf Weinfilterschicht, je 40 x 40 cm, 2004

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Text von Domkapitular Josef Sauerborn (Erzbistum Köln)

“Der Kreuzweg gehört zu den zentralen Themen des christlichen Glaubens. In ihm treffen sich biblische Betrachtung und volksfromme Aneignung. Über Jahr­hunderte hinweg beten Menschen vor diesen Bildern der Compassion. Das Ge­müt wollen sie treffen, zum Mitleid bewegen. In den einzelnen Stationen wird das Drama der Erlösung gezeigt, von der Verurteilung Jesu bis zur Grablegung des Gekreuzigten. Vierzehn Stationen gliedern den klassischen Kreuzweg. Jede Station konzentriert sich auf einen Augenblick des Leidensweges, der den Be­tenden und Betrachtenden vor Jesus stellt.

Der Kreuzweg will den Betrachter hineinziehen in den Weg Jesu. Er kann nicht vor der Station unbeteiligt stehen bleiben. Mit Pilatus, Simon von Zyrene, mit Veronika wird auch sein Leben ver­handelt. Wie steht er, der Beter, der Betrachter, vor seinem Gott, der in Jesus diesen furchtbaren Weg geht? Dass der ewige Gottessohn im Menschen Jesus diesen Weg geht, macht das erschütternde Zentrum des Christenglaubens aus.

Immer schon war der Kreuzweg eine große Herausforderung für die künstleri­sche Gestaltung, der man sich nur in Demut nähern kann. Angelina Konrad be­zieht den von ihr gestalteten Kreuzweg auf die klassischen Stationen. In großer formaler Schlichtheit konzentriert sie die Stationen, einer Schlichtheit, die der Scheu vor dem Leiden des Gottessohnes Rechnung trägt. Die Reduzie­rung auf eine einfache gravourhafte Zeichnung und das wechselnde Spiel der Kontraste von Hell und Dunkel bewirken eindringliche Authentizität. Wer vor diesem Kreuzweg verweilt und nicht den flüchtigen Blick des Passanten übt, kann sich dieser Wirkung nicht entziehen.

Angelina Konrad hat den Kreuzweg in einer Mischtechnik auf Weinfilter­schichten gestaltet. Dieses von ihr für die künstlerische Verarbeitung entdeckte Material öffnet auf sinnlich erfahrbare Weise die mystische Tiefe des Kreuzwe­ges. Von den alttestamentlichen Weinbergliedern, dem Weinwunder auf der Hochzeit zu Kana, der großen Rede vom Weinstock bis hin zum alles überstei­genden Abendmahl meditiert die Heilige Schrift das Leben und Sterben Jesu im Zeichen des Weines. Die Weinfilterschichten, Abfallprodukte der Weinverar­beitung, lassen das alte Bildthema aufscheinen, das Jesus in der Weinkelter zeigt. Das von Angelina Konrad gewählte Grundmaterial, auf dem sich der Kreuzweg entrollt, verweist auf die geheimnisvolle Dimension des Kreuzwe­ges, die hineinwirkt in die täglich vollzogene Eucharistie der Kirche.

Eindrucksvoll beginnt der Kreuzweg auf diesem Weinstoff mit der Verurteilung Jesu zum Tode. Eine schwarzdunkel aufragende Fläche bestimmt diese Station. Die schwarze Schwere durchzieht den ganzen Weg, nimmt unterschiedliche Formen an; erst in der letzten Station, der Grablegung, verschwindet sie; da ist es vollbracht, der Tod im Tod bezwungen. Aus der großen schwarzen Fläche des Todesurteils schieben sich schüchtern die Hände, die sich in Unschuld waschen. Die Gestalt aber, die sich raushalten will, ist von der schwarzen Fläche fast verschluckt.

Jesus fasst das Kreuz, nimmt es auf sich und schleppt es, immer wieder stürzend zur Richtstätte. Seiner Mutter begegnet er. Er und das Kreuz werden hell. Sie steht in ihrer dunklen Trauer da.

Simon von Zyrene wird gezwungen, das Kreuz mitzutragen. Blitzhaft in weiß hellen Konturen leuchten das Kreuz, Jesus und der gezwungene Helfer auf, ein­getaucht in ausweglose Nacht.

Hell glänzt ein Tuch auf, springt aus der dunklen Fläche dem Betrachter ent­gegen. Veronika reicht das Tuch im dunklen Meer des Elends.

Die weißhelle Gestalt liegt auf dem dunklen Holz. Der keine Sünde kannte, wird zur Sünde gemacht. Das Leben selbst erfährt den Tod.

Aufrecht steht das Kreuz, nun hell und klar; auch die Gestalt an ihm ist hell und klar. Aufrecht steht das Kreuz, hell und unübersehbar mitten in absoluter Dun­kelheit. „Als der Hauptmann, der Jesus gegenüberstand ihn auf diese Weise sterben sah, sagte er: Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn.“ (Mk15, 39)

Die schwarze Trauergestalt der Mutter hält ihren Sohn. Das Grundbild des Mit­leidens steht vor dem Betrachter, die Pietà.

Das Dunkle tritt zurück. In einer großen Gebärde wird der Sohn Gottes und der Menschen in das Grab gelegt. Eine ruhige Bewegung vollzieht sich wie in einer Schale. Von links wird Jesus in den Schoß der Mutter gelegt. Nach rechts wird seine Gestalt aus der Bildfolge hinausgetragen. Es ist vollbracht.

Angelina Konrad hat einen Kreuzweg geschaffen, der in eindringlicher Konzentration die große Erfahrung der christlichen Betrachtung des Leidens Christi vorstellt.”

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Zeichnung, Druckgrafik, Malerei und Installationen